
Haie gelten als urzeitliche Wesen, als perfekte Jäger und als Meister der Anpassung. Doch was viele nicht wissen: Es gibt bei Haien nicht nur eine, sondern gleich mehrere Formen der Fortpflanzung – darunter auch eine, die man sonst eher von Säugetieren kennt: die Lebendgeburt. Tatsächlich bringen viele Haiarten keine Eier zur Welt, sondern lebende, bereits voll entwickelte Jungtiere. Doch was bedeutet das genau? Welche Haiarten sind lebendgebärend, wie funktioniert diese Form der Fortpflanzung – und warum ist sie für das Überleben vieler Arten so entscheidend?
Was bedeutet „lebendgebärend“ bei Haien?
Der Begriff „lebendgebärend“ (auch vivipar genannt) beschreibt Haiarten, bei denen sich der Embryo im Körper der Mutter entwickelt – entweder in einer Eihülle (ovovivipar) oder direkt über eine Art Plazenta versorgt (echte Viviparie). Am Ende des Entwicklungsprozesses werden die Jungtiere voll ausgebildet geboren, können direkt schwimmen und sich selbst versorgen.
Im Unterschied dazu legen ovipare Haiarten Eier ab – wie etwa der Kleingefleckte Katzenhai, dessen eiförmige „Meerjungfrauen-Geldbörsen“ man gelegentlich am Strand findet.
Die drei Fortpflanzungsarten bei Haien
Um das Phänomen der Lebendgeburt besser zu verstehen, lohnt ein kurzer Überblick über die Fortpflanzungsstrategien bei Haien:
- Oviparie – Eiablage ins Wasser
→ z. B. Katzenhaie, Ammenhaie - Ovoviviparie – Ei schlüpft im Mutterleib, Jungtier wird lebend geboren
→ z. B. Sandtigerhai, Dornhai - Viviparie (echte Lebendgeburt) – Embryo wird direkt über eine Plazenta versorgt
→ z. B. Bullenhai, Hammerhai, Hundshai
Die Grenzen zwischen diesen Formen sind fließend – doch alle lebendgebärenden Haie bringen entwickelte Jungtiere zur Welt, die nicht mehr auf äußere Brutpflege angewiesen sind.
Warum gebären manche Haie lebend?
Lebendgeburt ist evolutionär gesehen eine Antwort auf schwierige Umweltbedingungen. In Gegenden mit vielen Fressfeinden, unbeständigem Klima oder hohem Konkurrenzdruck ist die Eiablage ein Risiko. Eier können gefressen, angespült oder durch Umweltveränderungen zerstört werden.
Lebendgebärende Haie umgehen dieses Problem, indem sie den Nachwuchs innerhalb des Körpers schützen. Die Folge: Weniger Nachkommen pro Wurf, aber höhere Überlebenschancen für jedes einzelne Jungtier.
Bekannte lebendgebärende Haiarten
Sandtigerhai (Carcharias taurus)
Dieser eindrucksvolle Hai fällt nicht nur durch sein Aussehen auf, sondern auch durch eine extreme Form der Ovoviviparie: Kannibalismus im Mutterleib. Nur die stärksten Embryonen überleben und fressen ihre Geschwister – am Ende werden meist nur zwei Jungtiere geboren. Mehr zur Lebensweise erfährst du im Artikel zum Sandtigerhai.
Hundshai (Mustelus mustelus)
Ein echter Klassiker unter den lebendgebärenden Haien. Die Embryonen entwickeln sich in der Gebärmutter, werden über Dotter und später über eine Plazenta versorgt. Der Hundshai bringt pro Wurf bis zu 20 voll entwickelte Jungtiere zur Welt.
Bullenhai (Carcharhinus leucas)
Einer der wenigen Haie, die auch in Süßwasser vorkommen können – und ebenfalls ein echter Viviparie-Fall. Bullenhaie gebären lebend, meist in Flussmündungen, wo die Jungen in geschütztem Brackwasser aufwachsen.
Hammerhai (z. B. Großer Hammerhai)
Auch Hammerhaie sind lebendgebärend. Die Weibchen bringen mehrere Jungtiere zur Welt, meist nach rund 11 Monaten Tragzeit.
Blauhai, Schwarzspitzenhai, Zitronenhai
Diese Arten sind ebenfalls Vertreter der echten Lebendgeburt – eine Gemeinsamkeit vieler Riffhaie, die in warmen Meeren leben und dort flachere Lagunen oder Riffe zur Geburt nutzen.
Wie viele lebendgebärende Haie gibt es?
Man geht davon aus, dass rund 70 % aller Haiarten entweder ovovivipar oder vivipar sind. Die Lebendgeburt ist also nicht die Ausnahme, sondern die häufigste Form der Fortpflanzung bei Haien.
Allerdings unterscheiden sich die Formen stark: Manche Haiarten gebären zwei, andere bis zu 100 Jungtiere. Manche nutzen Plazentasysteme, andere rein Dotterversorgung. Auch die Tragzeit variiert erheblich – von wenigen Monaten bis zu zwei Jahren.
Vorteile und Nachteile der Lebendgeburt bei Haien
Vorteile:
- Schutz der Embryonen vor Fressfeinden
- höhere Überlebenswahrscheinlichkeit
- keine Abhängigkeit von Brutplätzen oder Temperaturen
Nachteile:
- hoher Energieaufwand für das Muttertier
- geringere Wurfgröße
- lange Tragezeiten bedeuten: langsamer Fortpflanzungszyklus
- anfällig für Überfischung und Beifangverluste
Gerade wegen der langen Reifezeiten und geringen Nachwuchszahlen sind viele lebendgebärende Haie besonders bedroht, wie ein Blick auf die Rote Liste der Haie zeigt.
Gibt es lebendgebärende Haie in Nord- oder Ostsee?
Ja – zumindest vereinzelt. In der Nordsee ist z. B. der Hundshai beheimatet, der lebendgebärt. Auch der Dornhai, ein häufiger Beifang in der Nordsee, ist ovovivipar.
In der Ostsee sind lebendgebärende Arten sehr selten – dort dominieren eierlegende Arten wie der Katzenhai. Gelegentliche „Besuche“ von lebendgebärenden Arten aus der Nordsee sind jedoch nicht ausgeschlossen.
Gibt es Haie mit echter Plazenta?
Ja – diese Form der Fortpflanzung ähnelt am stärksten dem, was wir von Säugetieren kennen. Die Plazenta erlaubt einen intensiven Austausch zwischen Mutter und Embryo. Typische Vertreter:
- Bullenhai
- Zitronenhai
- Hundshai
- Schwarzspitzenhai
Diese Arten können die Entwicklung ihrer Nachkommen sehr gut steuern und den Nachwuchs „reifen lassen“, bis er absolut überlebensfähig ist.
Fazit: Lebendgebärende Haie – faszinierende Überlebensstrategie
Lebendgebärende Haie sind ein beeindruckendes Beispiel für die Anpassungsfähigkeit der Natur. Vom intrauterinen Kannibalismus beim Sandtigerhai bis zur sanften Plazentaversorgung beim Hundshai reicht die Vielfalt ihrer Fortpflanzungsstrategien.
Sie alle zeigen: Haie sind nicht nur perfekte Jäger, sondern auch komplexe Lebewesen mit faszinierendem Fortpflanzungsverhalten. Dieses Wissen hilft nicht nur beim Schutz einzelner Arten – es verändert auch unser Bild vom „Raubtier Hai“.👉 Fressgewohnheiten von Haien